Die Mutter der Porzellankiste

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Kurzgeschichten

Lora

Für Carry S.

Ein Leichtes ist es dem Film: Paukenschläge, Trompeten, aufflimmernde Schriften... Würde ich einen Film kreieren, wäre es wohl die Anfangsmelodie von Space Oddity. "This is groundcontrol to major Tom" hallt es nun also aus den Lautsprechern. Zu sehen ist die Unendlichkeit des Universums, welches zu implodieren droht. Explodieren mag dem schlussendlich nicht gleichkommen, was mein Auftragsgebiet nun erlebt. Des Weiteren stellt sich die Frage, wohin eine solche Unendlichkeit sich ausdehnen sollte. Unvorstellbar. Unvorstellbar auch, was mir alltäglich passiert. Mein Name ist Lora, ich wurde 1963 erschaffen und mir kommt die unvermeidliche Aufgabe zu, den Kosmos wieder zu ordnen. "Take your proteinpills" würde nun weiterhin zu hören sein. In der Totalen ein Mund, auf der Zunge meine Geringfügigkeit. Ich bin weiß und rundlich geraten, auf meine Stirn ist eine Zahl tätowiert, die meine Zugehörigkeit verrät. Ich bin eine von vielen und doch gibt es mich nur ein Mal. Ich bin geklont. Die Reise geht weiter in die Unergründlichkeiten eines Schlunds, um in helle, doch zugleich dunkle Atmosphären zu gelangen. Hier sind wir also, im Universum des Seins. Willkommen! Willkommen im Leben!

Tom schüttelte es durchgängig, Eisesfrost stieg in ihm auf, um schließlich tief und doch unsagbar hoch zu fallen. Welcome to the dark side of the moon, begrüßte ihn seine innere Stimme. Schatten legten sich auf seine Augen, wo sie in die den Unendlichkeiten seiner Pupillen verschwanden. Sie zogen all sein Leben aus den Gliedern, die nun steif wie Äste an ihm herabbaumelten. Hatte er überhaupt noch die Kontrolle über seine Arme, Beine, Finger, Zehen? ... selbst seine Zunge erstarrte im Augenblick des Nichtseinwollens und der Begierde, sich aufzulösen. Sein Blick verharrte, als tausend Sterne auf ihn zurasten. Er schwebte. Schwerelos, atemlos ... gefangen in einem weiß-grauen Raumanzug, der ihn von seiner Umgebung trennte, diesen surreal wirken ließ. Doch welche Aufgaben kamen noch Farben zu? Sie sind Qualitäten anhand von Substanzen. Einer Substanz, die sich im Nichts verflüchtigen würde. Groundcontrol to major Tom. Keine Antwort. Die Verbindung war gekappt. Wo war Lora? Das Es, welches sich mit ihm vereinigen konnte, um seiner Seele wieder ein Dasein zu bieten. Sie oder Es vermochte ihm Liebe zu schenken, Liebe zu ihm, Liebe zu seiner Umgebung, ja, ein Körpergefühl. Die Wärme würde wieder durch seine Glieder fahren und sie zu neuem Leben erwecken. Doch um dieses Wesen zu sich zu holen, brauchte es mehr, es brauchte einen Willen und verdammt nochmal die Herrschaft über seine Glieder. Mühsam wand er sich, räkelte er sich, drehte er sich. Gefangen im Nirgendwo. Beschwerlich ruderte er mit den Armen, die so gar nicht zu ihm gehören wollten, Panik versteifte ihn zusätzlich. Biochemischer Cyborg, dachte er sich, als Lora in der Ferne erschien. Ihre Anwesenheit ließ ihn langsam aufatmen. Es würde nun nicht mehr lange dauern und er würde sich mit ihr vereinigen. Zeitenlos. Anstandslose Hingabe. Samt. Vor seine Pupillen schob sich ein leiser Lichtstrahl. Lora war angekommen, erfüllte ihn nur langsam. Mit zarten Händen streichelte sie über seine Glieder, die zu kribbeln begannen, die sich wieder und wieder regten. Doch nur sanft und mit Bedacht. Das Rauschen, das er noch zuvor hörte, verkam der Melodie des Kosmos - geordnet, logisch, strukturell. In dem Liebesgetummel, welches sein Herz nun ruhig und endlich unauffällig schlagen ließ, erschienen die Farben heller als zuvor. Sachte, ganz sachte, formierten sich die Gestirne neu, jeder Stern verwies sich selbst auf seinen Platz, bekam Konturen und wurden ihm vertraut. Wie schön die Umgebung doch war. So vertraut und doch so neu. Der Kosmos wurde neu belebt, die Entitäten formierten sich. Er bäumte sich auf und rief: Major Tom to ground control.

Ich bin Lora, Lorazepam. Meine Aufgabe ist es, mich durch die Verbindung C15H10Cl2N2O2 mit deinem Organismus zu koppeln. Dich zu retten. Dir Leben einzuhauchen, wo kein Leben mehr ist. Schnell bindest du dich an mich und ein Über-leben wird dir zuteil. Doch wage es nicht, ohne mich auszukommen. Du wirst mich vermissen, denn ich nehme dir deine Selbstständigkeit, deine Selbstgefälligkeit. Du kannst mich nur langsam weichen lassen. Amazing grace...

Abspann, THE END

Rebekka Maria Peckary


Ein bisschen Freiheit

Es ist 5.30 Uhr, leise hört man ein Keuchen gepaart mit leichtfüßigem Getrampel, die Sonne erscheint mühsam am Firmament, bahnt sich ihren Weg durch das Dickicht des dunklen Waldes. Die ersten Vögel zwitschern andächtig und voller Lebensfreude und verstummen nach einem kurzen warnenden Aufschrei, als das Windspiel beginnt. Das Zirpen der Grillen erstirbt. Wind bläst durch das braune, schwarze Fell, lässt es in einem Reigen bis ans Ende des Körpers tanzen. Die Haarpracht findet sich in einem Sog der puren Bewegungslust und schickt kleine Wirbel in die Atmosphäre. Das Schnaufen der kalten Nase zaubert kleine Wassertropfen auf das vom Wind verwehte Haarkleid. Die mandelfarbenen Äuglein sind geweitet und versprühen ein Funkeln, welches nur in den Augen eines Hundes zu finden ist, wenn dieser seine Muskeln in Harmonie durch die Natur bewegt. Da ertönt ein zweites, ein drittes und ein viertes Quartett Pfoten - silber-weiß, grau-braun und mahagonifarben. Das Windspiel wiederholt sich und reißt in die Kühle des Waldes Wärme. Pure Lebensfreude, die das Dunkel sinnlich erhellt, hallt durch das schlafende Geäst. Ein Sprung, ein weiterer über knirschendes Gestein bis hinauf auf den Gipfel, wo sich die Kühle des Baches in die erhitzten Fellkleider mischt, um sich sanft an den liebestrunkenen Körper zu schmiegen.

Für unsere Hundskinder

Rebekka Maria Peckary


Dreiecksbeziehung - "Rot"

Der herbe Duft von erkaltetem Earl Grey Tee stockte ihr den Atem. Die silberne Platte mit den frisch gebackenen Schokoladenkeksen stand unangerührt auf dem Mahagonitisch, der Tisch aus einer vergessenen Kolonialzeit - ein Erbstück ihres Großonkels. Alles verblasste, alles alterte, alles verwelkte ... Innerlich starb sie tausend Tode, als sie auf das Papiertaschentuch blickte, das sie in Freds Hosentasche gefunden hatte. Mit schnörkeliger ungeschickter Schrift stand in sündhaftaem Lippenstiftrot "Ich liebe dich" darauf. Ein Indiz aus unbekannten Tagen der fremden Unbescholtenheit und doch so verwegen, ein Verrat, der sich vermutlich anbahnte, wie sie meinte. Hatte sie doch längst die Kunst des Verführens verlernt und sich der Sicherheit der 10-jährigen Beziehung zu Fred hingegeben. Das kleine Schwarze passte nicht mehr, ebenso wie die Haare nicht mehr lasziv in tadellosem Blond ins Gesicht hingen und sich ab und an in den schwarzgetuschten vollen Wimpern verfingen. Gewichen war alles dem gemütlichen Jogginganzug, den kurzen, feinsäuberlich abgekauten Nägeln, einem Aschblond, das am Ansatz ihre wahre Haarfarbe verriet, dem einvernehmlichen Schweigen zwischen ihr und ihm. Ein verheißungsvolles Schweigen. Ein Schweigen, das zu einem tonlosen Schrei angesichts der fremden Schrift nun verkümmerte. Wie lange betrog er sie schon? Wem gehörte die fremde Klaue, der sie jedoch Sinnlichkeit zusprechen musste? Das Rot verschwamm unter den Tränen, die sich jetzt schweigend ihren Weg über die Wangen bahnten und der Situation einen salzigen Beigeschmack gaben. Wo blieb er? War er bei ihr? Die Fragen verhallten in ihrem Kopf, als sie durch ein "Schatz, ich bin zuhause" unterbrochen wurden. "Hohn, purer Hohn", dachte sie und schleuderte ihm einen erbosten, feuchten Blick Richtung Vorraum zu. In ihrer Hand das verwaschene Taschentuch, getränkt in dem Beweis der seelischen Demütigung, den Tränen. Zitternd mit Blick auf das Beweisstück nahm er ihre Hand und meinte in ruhigen, aber ebenso peinlichen Worten: "Ich kann es erklären!" Sein Blick dabei traf sie wie eine Ohrfeige, welche sich angebahnt und eingeübt hatte. Eingeübt für den Tag, an dem die Hüllen fallen würden. Ihr fiel es wie Schuppen von den Augen. Wer war er? Dieser Fremde? Die einst so vertraute Stimme verkam einem Krächzen. Teuflische Laute, die sie und ihre Liebe verraten hatten. Dieser Verrat, so stellte sich nun heraus, hatte einen Namen. Manuela. "Manuela ist die neue Aushilfskraft", begann er mit ruhig formulierten Silben. Sie würde ab und an solche Scherze mit ihm treiben. Sie sei seine von den Kollegen ernannte "Arbeitsehefrau", weil sie sich so gut vertrügen. "Hohn, purer Hohn", hallte es zwischen ihren Ohren, welcher Ton von dem eines nun beginnenden Schluchzen untermalt wurde. Es gab eine Ehefrau, eine, und die war real und amtlich! Doch was war schon real angesichts des verführerischen Rots, das nun neben ihrer reinweißen Liebe sogar ihre Hände beschmutzte. Wie klebriger Verrat und Herzblut klebte dieses auf ihren zarten, nun kraftlosen Fingern. Gefährlich nah kam sein Gesicht an ihres, um ihr einen verstohlenen, ja, trügerischen Kuss auf die Wange zu geben. Da entfachte die innere Kraft. Aus der Stille, aus der Befangenheit wurde nun aus der Ruhe Sturm. Sie begann aus tiefstem Herzen ihren Schmerz in die Welt zu brüllen, als sich ihre Hand erhob, ihn an den Haaren packte und mit einem Ruck zu Boden warf, um dann rittlings auf ihm sitzend in sein verstohlenes Gesicht zu schlagen. All die Wut, all die Trauer prangten nun in Form von Striemen auf seinem Gesicht. Rot - Rot wie der verheißungsvolle Lippenstift. Rot wie der Phoenix, der sich zu Leben erhob.

Rebekka Maria Peckary 


REST

Ich bedeutete Charlotte, mir endlich die Wahrheit zu schildern. Zunächst noch ruhig, bald zitternd, erzählte sie mir von den Ungeheuerlichkeiten, die Toby ihr angetan hatte. Doch es wäre alles nicht so schlimm, sie hätte es schlussendlich verdient.

Die Wohnung war aufgeräumt und es duftete nach den ätherischen Ölen, die Charlotte so gerne in den Eimer mit Wasser kippte, um dann die Wohnung zu säubern. Die Räucherstäbchen glühten anmutig vor sich hin und beseitigten die bösen Geister, nichtsahnend, dass das Böse jeden Moment heimkehren würde. Das eingeschüchterte Mädchen blickte in schwarzuntermalene Augen. Augen, welche stets die Psyche widerspiegelten, die Psyche eines Mannes, den sie so nicht mehr kannte. Sediert und gleichzeitig wie ein Hochleistungspferd auf der Treibjagd. Die Pupillen waren geweitet und füllten beinahe die Iris. Nur ein schwacher Ring trotze dem drogenverseuchten Schwarz. Charlotte wusste, dass sie nun kein Wort sagen durfte. "Wo und wer bist du?", hallte es durch ihren Kopf. Unmöglich nur eine Silbe des Willkommengrußes über die Lippen zu bekommen, lächelte sie gezwungen. "Sahst du wieder in den Computer? Tausendfach habe ich dir befohlen, die Finger von ihm zu lassen!", brüllte Toby, als er den verrückten Schreibtischstuhl sah. Er hatte sie ertappt und unfähig es auf die Putzaktion auszureden, gestand sie und wie von alleine begann ihr Mund verheißungsvoll zu verbalisieren: "Du bist ein Schwein!" Während sie sich im Fortbildungszentrum Wissen aneignete, verbrachte er seine Zeit auf YouPorn und sah sich die perversesten Filmchen an, privat aufgenommen. Stets die Gleiche ... obszön einen Schmetterling in ihren unteren Bereich tätowiert. Der Mann stöhnend halb zum Schmetterling, halb zu seinem Objekt, wie gut sich der Sündenschlund anfühlen würde. Kaum dachte sie das, riss sie die Höhe seiner Arme, welche Charlotte über seinen Kopf stemmten, aus ihren Gedanken und damit auch den Boden ihr unter ihren Füßen weg. Sie hörte noch ein lautes Brüllen: "Du Schlampe, fick deine Schwester", als sie auch schon in hohem Bogen auf den Boden segelte ... wie in Zeitlupe ... wie durch tausend Zeiten - vor den Augen das clown'sche Gesicht, der Mund breit, die Person dahinter ebenso. Aus den Lautsprechern tönte nun God hates us all. Während sich Charlotte am Parkett krümmte, sie versuchte, ihre Wirbelsäule wieder zusammen zu räumen, lauschte sie den Worten und dachte: "Mich am meisten". Mühsam rappelte sie sich wieder auf und konnte nicht anders, als ihm hinterher zu rufen: "Und deine Mutter war am Strich! Du bist nichts besser als die Freier!" Wutentbrannt stürmte er auf sie zu, hob sie nochmals hoch, warf sie durch die Glastüre, um dann das Kissen auf ihr selig unschuldiges Gesicht zu pressen. Zwischen dem Gedanken: "Wie soll ich das nun der Vermieterin erklären?" und "Ich will ohnehin nicht mehr", war es der Instinkt, den sie bis heute nicht verloren hat. Ihre Beine holten aus, trafen den Mann dort, wo er noch Stunden weiterhin eine Erinnerung an sie hätte, und riss den Polster von ihrem Gesicht. Schnappte nach Luft, die eiskalt durch die Luftröhre stob, um in ihrer Lunge zu ersticken. Es dauerte noch lange bis sie ihn verließ oder er von ihr abließ ...

"Das ist ein Ausschnitt, Emma!", erklärte Charlotte und wollte ihren Peiniger gutheißen, indem sie hinzufügte: "Ich hätte diese Worte nicht wählen dürfen!" Davon kamen also ihre Narben, nicht, wie ich zuvor dachte, sie wären aus einer Borderlinevergangenheit. Diese Narben waren nicht oberflächlich, diese Geschwulst war in ihr ... 

Rebekka Maria Peckary


Atelier eines erfolglosen Malers

Du betrittst einen quadratischen Raum und fragst dich, wo du heimlich das Zeitungsstück finden würdest, das du deinem Großvater vertraulich zugesteckt hast. Dein Blick schweift durch das nach Lacken duftende Zimmer, als du verharrst und gebannt auf das Gemälde, das auf der Staffelei prangt, blickst. Rechts liegen unangerührt und wohl säuberlich in Nitro ausgewaschene Pinsel, daneben verharrt ein halb verdunstetes ölhaltiges Glas Wasser. Einsam steht es auf dem Beistelltisch aus kaltem Metall, gar so, als würde es der stickigen Schwüle vehement, aber erfolglos zu trotzen versuchen. Einsamkeit hallt durch den Raum, beklemmend die Schwärze der Wände, die dein Großvater halb im Taumel, halb in Verzweiflung bemalen hat. Die quadratischen Vierecke versammeln die Lichtstrahlen und verschlucken sie bedingungslos. Du reißt die grauen, blickdichten Vorhänge zur Seite, um etwas Licht einatmen zu können, um der Petroleumlampe, die du in deiner rechten Hand hältst, eine Auszeit zu gönnen. Sanft gleiten die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne in das Zimmer, wo sie von dahingeworfenen Skizzen auf losen Papierfetzen, die am Boden verstreut liegen, reflektiert werden. Eine kleine Bibliothek mit vergilbten und zerrissenen Büchern kommt zum Vorschein, als du dich sachte umdrehst und wieder Richtung Türe blickst. Es ist gar so, als wäre der einzig warmanmutende Gegenstand dieses Raumes aus seiner Zeit entwendet und würde nun einsam der Trübseligkeit des Raumes anheimfallen. Trostlosigkeit macht sich in dir breit. Trauer gesellt sich dazu, während du auf das verstaubte Glasregal mit den geleerten Absinthflaschen blickst. Die Becher daneben in Wut wegen der fehlenden Anerkennung zerschlagen fristen als Zeugen ihr Dasein in verklebten Plastikscherben. Dein Blick und deine ganze Aufmerksamkeit richten sich wieder auf das Gemälde, das farblos wenige Striche einer hässlichen Fratze anzudeuten vermag. Gebannt von diesem Blick, der dir entgegenstarrt, sackst du in dich zusammen, krümmst dich unter der Last des Misserfolgs deines Großvaters, dessen wahre Begabung im Alkohol ersäuft wurde. Kälte überkommt dich, als du geschunden wieder Richtung Bücherregal blickst und den Zeitungsartikel in Fetzen darunter verstreut erkennst. 

Rebekka Maria Peckary 


Literaturanalysen

Steinhöfel - Rico, Oskar und die Tieferschatten

Rico ist ein Junge, der öfters etwas langsam beim Denken ist und etwas vergisst. Er drückt es folgendermaßen aus: "[...] und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. [...] Aber manchmal fallen ein paar Sachen raus, und leider weiß ich vorher nie, an welcher Stelle."[1] Er lernt den ungleichen Oskar kennen, der fortan zu seinem besten Freund wird und den er vor Mister 2000, einem Kindesentführer, retten wird. Gezeichnet werden zwei Jungen, die wohl eher der Außenseiterrolle angehören, sich im Laufe der Geschichte jedoch zu Helden entwickeln. Nicht nur hierin findet man ein Identifikationsmerkmal, sondern auch in der sprachlichen Ausgestaltung. Die Sprache (Wortwahl und Syntax) ist einfach, locker und unkompliziert. Etwas kniffliger und interessant sind die kindlichen Wortneuschöpfungen und Metaphern, die mit dem lesenden Kind besprochen werden können bzw. sollten. Geschildert wird in dem homodiegetisch erzählten Roman außerdem ein schwieriges Familienverhältnis, welches jedoch kindergerecht aufbereitet wird. Die Mutter ist alleinerziehend, vom Vater weiß man so gut wie nichts und Rico sucht für seine Mutter gleich insgeheim einen neuen Freund, den er im Nachbarn sieht, aus. Sie arbeitet nachts in einem Nachtclub und obwohl sie damit restlos überfordert scheint, nimmt sie sich stets für Rico und seine Angelegenheiten Zeit. Dieser wiederum möchte seiner Mutter nicht unnötig zur Last fallen, weshalb er ihr auch von seinem Vorhaben nichts erzählt. Sie ist eine liebende Mutter, die nicht nur ein familiäres Bewusstsein hat, sondern auch Rico vermittelt, Verantwortung zu übernehmen - sei es im Sinne von Überlebensstrategien oder für die Mitmenschen - Rico übernimmt Verantwortung.

Steinhöfel verzichtet in seinem kindergerechten Kriminalroman auf Elemente des Phantastischen und erzählt sehr realitätsnah. Wir haben es hier mit einem modernen Kinderroman zu tun, der den sozialen sowie kulturellen Wandel berücksichtigt und diesen miteinfließen lässt. Berichtet wird in dem eigentlichen Aufsatz an den Lehrer selbstverständlich mit einer stark subjektivierenden Erzählweise, was sich in authentischen Monologen widerspiegelt. Das Ästhetische geht eindeutig vor dem Pädagogischen. Auch wenn das Buch unweigerlich die Tugend der Verantwortung und des Mitgefühls vermittelt, so steht diese jedoch eher im Hintergrund, ja, läuft beiläufig mit. Der/die Lesende identifiziert sich mit einem empathisch starken Charakter, der auf eine bessere Zukunft abzielt. Des Weiteren ist die geringe Anzahl an Figuren zu nennen, die dem/der Leser/in ein überschaubares Setting liefert. Allein die geschilderte Wohnungsaufteilung in der Dieffenbachstraße dürfte etwas knifflig sein, doch dem schafft Steinhöfel Abhilfe, indem er gleich zu Beginn das Haus mit eingezeichneten Familienwohnungen abbildet.[2] Die Dieffenbachstraße ist ebenso ein Charakteristikum des authentischen Kinderromans. So findet man diese in Berlin. Der Autor verbindet seine eigene Lebenswelt, denn er lebte selbst in dieser, mit der fiktiven.


[1] Steinhöfel, S. 11

[2] Vgl. S. 5

Martin Klein - Wie ein Baum

Florian Erdmann, ein 12-jähriger Schüler, hat eine besondere Affinität zu Bäumen. Er streift stets mit seiner Freundin Meike und deren Hund Humboldt durch die Wälder, wo sie Käfer sammelt und er Pflanzen begutachtet. Als er eines Tages in der Schule eine seltsame Stimme hört, wird schnell klar, dass diese von dem Ficus, welcher halbverdorrt auf einem Schrank steht, kommt. Ist es zunächst nur ein leises Plappern, wird ihm bald bewusst, dass er die Stimmen der Pflanzen hören kann und so rettet er das kleine Bäumchen. Zunächst unterhält er sich mit dem alten Ahorn, welcher sein Baumhaus beherbergt und sein ganz persönlicher Rückzugsort ist. Später kommuniziert er mit allen Zimmerpflanzen, die er wie seine Schätze hütet. Doch es bleibt nicht dabei, nur die Stimmen zu hören, sondern er beginnt sich langsam in eine Pflanze zu verwandeln. Seine Haut wird grünlich, ebenso wie seine Haare. Außerdem verändern sich seine Geschmacksnerven - liebte er früher noch den Kuchen der Oma, bevorzugt er nun Kompost und Regenwasser. Er gilt als biologisches Phänomen und muss schließlich vor einem Gentechniker, der seinen Ruhm wittert, flüchten. Florian, dessen Abenteuer im Stil des Nature Writing geschrieben werden und durch den man viel an Wissen von der biologischen Vielfalt unseres Planeten erfährt, flieht schließlich auf die Insel Teneriffa, wo ihm die Heilkundige Hilde von Bingen mit den Worten "Körper und Seele sind eins. Wenn du nicht danach handelst, zeigen sie es dir"[1] zurück in den menschlichen Körper holt.


[1] Klein, S. 259

Vieweg Oliva - Endzeit

Zunächst fällt das Cover auf, welches bereits auf die Handlung verweist und die zwei Protagonistinnen darstellt, wie sie auf dem Weg durch eine verlassene Gegend sind. Auffallend ist auch das pinke Z im Titel "Endzeit", welches vermutlich eine Verbindung zu den pinken Haaren der Protagonistin Vivi darstellen soll. Schlägt man das Buch auf, findet man auf der Schmutzseite hinten wie vorne colorierte Seiten, die die Bedrohung der Umgebung bereits ankündigen. Eine Seite weiter wird die verlorene Kindheit gekonnt mit einem blutverschmierten Ball präsentiert und man wird so auf die Handlung eingestimmt. Abgeschlossen wird das Werk mit zwei Panels, die jeweils eine Seite füllen und den inneren Frieden Vivis darstellen sollen, da die Farben in Pink- und Violetttönen, die eben auf das Colorit der Hauptperson abgestimmt sind, vorherrschen. Die Worte "Nein, ich schlafe nicht" bekommen diesmal einen kraftvolleren Beigeschmack.

Mutet die angebissene Erdbeere auf Seite 4 zunächst irritierend an, wird einem auf den folgenden Seiten klar, wieso diese bereits vorab abgebildet wurde. Dies hat zum Grund, dass Vivi privilegiert von der Heimleiterin der Psychiatrie, die in Vivi ihr verlorenes Kind zu sehen scheint, Erdbeeren geschenkt bekommt - eine Mangelware. Doch Vivi tauscht auf den folgenden Seiten diese gegen einen Kohlrabi. Es wird dadurch vermittelt, dass die Protagonistin Mitleid mit ihrer Umgebung hat und sie sich durch eine gehörige Portion Empathie auszeichnet. Die erste Seite, auf der die Handlung beginnt (Seite 5) zeigt in einer Totalen bestehend aus einem Panel die Stadt Weimar und der Leser/die Leserin wird so in den Ort des Geschehens eingeführt. Am linken oberen Rand findet sich in einem Kästchen der Verweis "Weimar, geschützte Stadt", wodurch man mit dem Adjektiv erfährt, dass man sich in einem sicheren Raum befindet, auch wenn das Bild Trostlosigkeit ausstrahlt. Die Farbe Rot ist vorherrschend, was im Folgenden auf Bedrohung hindeuten soll, denn alle Seiten, welche eine Gefahr darstellen bzw. in eine gefährliche Situation einleiten, werden in diesen Farbnuancen coloriert. Werden die Sonnenunter- wie Sonnenaufgänge ebenso in dieser Farbe gehalten, fällt auf, dass diese in einem breiten Panel, das die Seitenbreite füllt, realisiert werden und dadurch den Abschluss sowie den Neubeginn des Tages markieren. Durchwegs leiten Dialoge, welche durch Sprechblasen dargestellt werden, durch die Handlung und so erfährt man u.a. auf den ersten Seiten, dass die Apokalypse 2 Jahre zurückliegt. Die sengende Hitze, welche mit dieser Apokalypse einhergeht, wird durch Strahlen quer durch die Panels visualisiert.

Die Onomatopoesie findet auch in diesem Werk Einsatz, so wird ein Schuss auf Seite 57 in einem Panel durch das verzerrte Wort "Blam" in rot-weißen Tönen dargestellt. Ebenso wird beispielsweise die Atemlosigkeit und somit die "Gehetztheit" im Buch mit den Worten "Hah Hah Hah" quer durch die Panels bzw. rund um die Personen vermittelt. Das Zittern, welches die Personen wegen der Bedrohung verspüren, wird durch Wellenlinien entlang der Körper demonstriert und verleiht dem Bild so Bewegung. Eben diese Linien finden auch bei Beschleunigung, wenn beispielsweise die Mädchen laufen, längs der Panels Einsatz, wodurch Schnelligkeit und Bewegung vermittelt wird.

Weiters ist die Intertextualität zu erwähnen. So findet das Werk Büchners Woyzek als Reclamheft, das Vivi zwischen der Türspalte findet, in einer Totalen Erwähnung und verweist somit auf die weitergehende Handlung. Musik findet ebenso Erwähnung, wenn die Mädchen auf einem sicheren Hochstand liegen. Leider muss ich hier anmerken, dass mir eine musikalische Intermedialität fehlte, da man nur erfährt, dass Vivi über den Musikgeschmack ihrer Mitstreiterin erstaunt ist, aber man im Dunklen bleibt, um welches Genre es sich handelt.

Im Großen und Ganzen ist dies meines Erachtens ein sehr gelungenes Werk, das die Möglichkeiten der Graphic Novels zwar nicht ausschöpft, aber gekonnt realisiert.

Layout-Idee

Die Wand - Marlen Haushofer

"Nach dem zehnten Dezember schneite es eine Woche still und gleichmäßig. Das Wetter war ganz nach meinem Wunsch, windstill und beruhigend. Nichts stimmt mich friedlicher als das lautlose Niedersinken der Flocken [...] Manchmal färbte sich der grauweiße Himmel an einer Stelle rosa-rot, und der Wald versank hinter zarten, leuchtenden Schneeschleiern. Die Sonne, man konnte es ahnen, hing irgendwo hinter unserer Schneewelt, aber sie erreichte uns nicht. [...] Wie schön war es an diesen Tagen, mit Luchs durch den Wald zu gehen. Die kleinen Flocken legten sich sachte auf mein Gesicht, der Schnee knirschte unter meinen Füßen, Luchs hörte ich kaum hinter mir. Ich betrachtete oft unsere Spuren im Schnee, meine schweren Absätze und die zierlichen Ballen des Hundes. Mensch und Hund auf die einfachste Formel gebracht."[1]

[1] Marlen Haushofer: Die Wand; Berlin: List 2004, S. 238 ff.

"Schnee - Symbol der Isolation, des Todes und des Grabes, einer umfassenden Erstarrung oder Verwirrung, des Alters, aber auch der Unschuld, der Reinheit, der Schönheit, einer Sphäre der Erkenntnis, sowie des Trägers einer Spur bzw. von deren Auslöschung."[1]

Im Schnee nur eine Fußspur und leicht dahinter die eines Hundes zu erkennen. Spielt Marlen Haushofers Roman nur gegen Schluss in einer unschuldigen Winterlandschaft, so ist es doch genau diese, die ihre Seele zu diesem Zeitpunkt zu widerspiegeln vermag. Ihre Seele ist nun rein, sie wird ganz ruhig - ruhig nach den physischen und psychischen Strapazen. So musste sie mühevoll Beeren und weitere Nahrung vorsorglich einkochen, Äste schleppen und die Hütte winterfest machen. Sie wandert von der Berghütte wieder hinunter, kehrt so symbolisch wieder zu ihrem anfänglichen Ich, jedoch verändert, zurück, um im Winter nicht viel ausrichten zu können, still zu werden und sanft dem Flockenspiel zu zusehen. Die Winterlandschaft symbolisiert die Isolation (siehe Metzler Lexikon) und die gealterte Protagonistin, die nun sich ihrer selbst gewiss ist, sich mit ihrer Abgeschnittenheit abgefunden hat, somit eine geistige Sphäre weiteraufsteigen kann.

Das sind die Gründe, weshalb ich dieses Bild, aufgenommen während eines Spazierganges mit meinen Hunden, ausgewählt habe. Wie nah ich mich zu dieser Zeit Haushofers Protagonistin fühlte... In der weißen Landschaft scheinen die Konturen der Tannen bläulich-rosa-farbene Nuancen abzustrahlen. Der Bogen des Weges scheint ins Nirgendwo zu führen, gar so als würde hinter der Kurve eine unsichtbare Wand warten, die einem ungewollt wieder rückfallen lässt. Die Welt versinkt im Schnee und mit dem Versinken werden die Sorgen verschneit, sanft legen sich die Schneeflocken auf ihr Gemüt und hüllen die kleine Welt unter der durchsichtigen Kuppel in Ruhe und Fürsorge.

Leider ist mir kein Buchcover Marlen Haushofers Die Wand bekannt, das diese Jahreszeit widerspiegelt. Dennoch erscheint mir gerade diese Jahreszeit sehr symbolträchtig und gehört damit eindeutig auf das Cover gebannt.


[1] Günter Butzer; Jacob (Hrsg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole; Stuttgart: Springer 20122

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