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Die Mutter der Porzellankiste

Die hier von mir verfassten Texte verstehen sich als urheberrechtlich geschützt. In ihnen steckt ein Stück Herzblut, bitte gehen Sie sorgfältig damit um. 

Journalistische Texte

Im Gespräch mit der Autorin C. Gina Riot (Bestien vom Flüsterwald, Diener des Ordens)

- Phantastikpreisträgerin des Goldenen Stephans 2022


Es ist ein untypisch warmer Oktobertag im Jahr 2022 und ich freue mich auf das Gespräch mit C. Gina Riot, welches aufgrund der Distanz in den eigenen Räumlichkeiten per Discord stattfinden soll. Nach längeren unbeholfenen Versuchen die Verbindung herzustellen, einigen wir uns auf die Alternative des Videochats per WhatsApp. Das Mobiltelefon auf den hölzernen Monitorständer platziert, lehne ich mich in meinem grauen mit ebenso grauen Decken ausstaffierten Bürosessel zurück, um die frisch gebackene Preisträgerin des Goldenen Stephans 2022 im Bereich Phantastik vor fantastisch anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern begrüßen zu dürfen. In Zeiten wie diesen verliert man sich in der Virtualität, als säße man sich hautnah gegenüber und man hört im Hintergrund die Katzen Schabernack machen, als wäre es im selben Raum. Es sind zwei Kater, welche über alles geliebt, gehegt und gepflegt werden. Sie sei eben wegen der Anmut, der Eleganz und der Mystik der Felidae ein Katzenmensch und außerdem wären Hunde bei ihr schließlich verzogen - zu gutmütig und inkonsequent in Belangen der Erziehung. Inkonsequenz, die sich sonst nicht in Ginas Leben widerspiegelt. Die Inhaberin der Graphikagentur Layout Riot brachte es schließlich so weit, dass nun eine Mitarbeiterin angedacht wird. Der Fünf-Jahres-Plan will es so und die Zahlen sprechen für sich. Eine Notwendigkeit, die sich aus dem Erfolg der Bücher und der Agentur ergibt. Nein, von Inkonsequenz kann nicht die Rede sein und so vermag es Neider erstaunen, dass hinter der blauhaarigen Geschäftsfrau in Schwarz - natürlich "metaltypisch" in Schwarz - sich keine sichtbare Schwäche durch das Leben zieht. Vor mir sitzt eine sehr kreative, warmherzige Person, welche die Neidkultur nach eigenen Angaben verabscheut. Schließlich bringe einen diese im Leben auch nicht weiter und hemme AutorInnen bei deren Kreativität, da es ihnen wegen des monotonen Neids an Perspektiven fehle. Und während sie dies sagt, umspielt ihren Mund ein sanftes, jedoch selbstbewusstes Lächeln, das in ein Lachen übergeht, als von dem Schuldgefühl den anderen Autoren, welche den zweiten und dritten Platz gewonnen, aber mehr Stückzahlen verkauft haben, die Rede ist. Die Angst, oder besser der bestehende Respekt, war groß, nämlich dass man schief belächelt werden würde - von solch' vergleichsweise großen Autoren. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich frage mich insgeheim, wie man auf die katzenvergötternde Person, deren Augen bei Gesprächen über Kreativität strahlen, überhaupt neidisch oder gar böse sein kann. Wir sind uns einig: Erfolg kommt nur, hat man eine Perspektivenvielfalt und lernt voneinander. Vielleicht ist es auch die Umgebung, die man sich selbst schafft, aber bestimmt ist es die offene Art Ginas, die einen entweder vor Neid erblassen lässt - zukunftslos - oder der man gerne folgt. Ja, die Art ist ansteckend - man will sofort selbst zur Tastatur greifen und seinem lyrischen Ich freien Lauf lassen - und es folgt konkurrenzlos der Tipp seitens der Preisträgerin, sich auch bei Literaturwettbewerben zu profilieren. Es wäre doch schön, wenn man gemeinsam in einem Band veröffentlicht werden würde. Damals habe der Metal-Fan selbst mit Kurzgeschichten begonnen. Bereits im süßen Volksschulalter gab es die Aufgabe, kreative Texte zu schreiben, welcher sie gerne nachkam. Schon früh war somit die Begeisterung für Buchstaben groß, für das magische Band zwischen AutorIn und LeserIn, für die Ausdrucksstärke von Wörtern. So war der Entschluss gefasst, entweder Autorin oder Graphikerin zu werden. Das "Oder" wurde kurzerhand mit einem "Und" nach der schulischen Laufbahn getauscht und man darf sogar ein "Sowie" anhängen. Denn Gina ist ebenso Musikerin, die derzeit gedanklich an einem Soloalbum feilt. Leider kommt die eigene Musik in diesen Tagen aber zu kurz, weshalb sie mit vereinzelten Gastauftritten ihrer weiteren Passion etwas Genüge leistet. Konzerte dürfen jedoch nicht fehlen! Das The Cure-Konzert wird gehuldigt, um dann aufgeregt zu verkünden, dass u.a. Muse nächstes Jahr Österreich die Ehre erteilen werden. Das Gespräch verliert sich bei einem Glas Wodka-Mischgetränk, dem eigens kreierten "Diener des Ordens"-Räucherduft und zwei Zigaretten in Konzertvorhaben und dem Entschluss, sich bei dem Kaltenbach-Openair 2023 zu treffen. Natürlich "traditionsgemäß" auch in Schwarz, welche Farbe um die Anerkennung der blauen Augen und Haare kämpft.

All dies vor und hinter der Leidenschaft für Kreativität in allen Belangen, denn diese trägt einen Namen: C. Gina Riot.


"Oh, Königin Maria, unser Leben, unsre Wonne und unsere Hoffnung, sei gegrüßt!"

Ein hoffnungsreicher Besuch der röm.-kath. Dorfkirche Salla


Es ist ein kühler, regnerischer Sommertag im August, als ich mich ausnahmsweise in hohen Schuhen und elegant-sportlich zurechtgemacht bei Glockenläuten der Sallegger Kirche zur Abendmesse nähere. Angespannt, nach einiger Zeit wieder eine Messe zu besuchen, schreite ich durch den Himmelsguss und gleichzeitig überkommt mich eine tiefe Ruhe, während ich dem Haus Gottes entgegenblicke. Die 1245 erstmals erwähnte weiß-braune Kirche mit dem spätgotischen Glockenturm ragt im Sallagraben vor dem rot gestrichenen ehemaligen Gasthaus Schotter hervor. Dahinter der aus Holz geschnitzte Märchenpark. Davor der geschwungene Bogen des Pfarreingangs, welcher den Friedhof dahinter säumt, und dem kleinen Dorfplatz einen einladenden Charakter verleiht. Der Legende nach suchten sich die Heiligen Petrus und Paulus diese Örtlichkeit als Kirchenplatz aus, als ihre Statuen von dem ursprünglich angedachten Platz immer wieder nachts dorthin kullerten, wie mir der Kirchenchronist Hans Leitner mitteilte. "Mystisch", denke ich und fühle die besinnliche Stille, gespickt durch das Prasseln des Regens auf meinen schwarzen Regenschirm.

Als ich den Eingang erreiche, begrüßt mich eine Dame, die in einer der hintersten Reihen sitzt - verwundert mich noch nie zuvor gesehen zu haben. Auch die Lektorin der Kirche wirft mir einen vertrauten, aber fragenden Blick zu. Beide blicken in den alten Holzreihen sitzend in den Altarraum, der untypisch "sensibel" anmutet. Nur der schwere Hochaltar, welcher jedoch nicht überladen wirkt, scheint seiner Aufgabe, der Mittelpunkt der Kirche zu sein und geistigen Halt zu geben, nachzukommen. Um ihn ragen romanische Bildnisse - sanft, anspruchslos und vertraut. Ruhig stelle ich meine Tasche in der vierten rechten Reihe ab und setze mich in Vorfreude auf einen der braunen Polster. Nach einer Weile, die mich zu mir, meiner inneren Mitte finden lässt, ertönen die Glocken im Psalm Regina - königlich. Eine davon, genauer die mittlere, besteht seit 1492 und blieb von den Einschmelzungen im zweiten Weltkrieg verschont. 500 Jahre ertönt die Namenlose einer Judenburger Gießerei dieses Jahr bereits in ihrer akustischen Pracht und kündet so die Messe des Pfarrers Winfried Lembacher an.

Es erscheint der hagere, groß gewachsene Mann in grüner, einfacher Kutte. Das Bild harmoniert mit der pastoralen Umgebung. Während die Glocken noch läuten, stimmen wir fünf, die die Kirche an diesem Freitagabend besuchen, das zuvor von der Lektorin genannte Lied an. Unsicher singe ich leise mit, um mich spätestens in der dritten Strophe vertraut zu fühlen, auch lauter in den Chor einzustimmen. Die Predigt verläuft seelenruhig, wir erfahren etwas über die Heilige Clara und den Clarissinenorden, da vor kurzem, genauer dem 11.8., ihre irdische Erlösung in Form eines Kirtages gefeiert wurde. Mir wird nochmals bewusst, wie sehr wir Feierlichkeiten einfach hinnehmen, ohne die wahre Bedeutung deren zu hinterfragen, in uns zu gehen und dem zu huldigen, was uns das Wichtigste ist - unserem Leben auf Gottes Erden. Nachdem wir der wunderschönen, da sehr ruhigen Predigt und den weisen Fürbitten gefolgt sind, stimmen wir wiederum in ein Lied ein und erhalten schließlich den Leib Christi. Es folgt der Abgesang und eine tiefe innere Zufriedenheit, in welcher wir uns gegenseitig den Frieden Gottes wünschen und zunicken. Die Messe ist vorbei. Ich verbeuge mich mit einem ungelenkigen Knicks vor dem Bildnis Christus' und verlasse auf dem roten Teppich, der den Boden bedeckt, das Haus.

Draußen angekommen, empfängt mich ein Dorfkollege und eine Dame mit einem freundlichen Lächeln und sie mögen sich fragen, weshalb ich hier alleine stehe, doch kein neugieriges Wort wird mir entgegengebracht. Friedvolles Warten auf den Pfarrer Lembacher vor dem schweren alten Holztor zur Kirche. Als er in dunkler Kleidung erscheint, freue ich mich auf das folgende Interview zu seiner Person und wir beschließen, zu mir nach Hause zu gehen. So schreiten wir über die nasse, nach Regen duftende Straße und werden von unseren vier Hunden begrüßt. Während der Pfarrer und ich warten, dass die bellenden Tiere wieder ins Haus gebracht werden, unterhalten wir uns angeregt über die Rohheit der Menschen, die in manchen Ländern Straßenhunde der Tötung überlassen. Trotz des brisanten Themas geht von Herrn Mag. Lembacher, der in Graz und Wien studiert hat, eine tiefe Ruhe und Menschenliebe aus. Wir werden von meiner Schwiegermutter schließlich in ihre Wohnung gebeten.

Der Kamin knistert, während der Pfarrer sich setzt und auf mein Angebot gerne Kuchen sowie Maracuja-Saft annimmt. Es solle nichts Alkoholisches sein und der Marmorkuchen wird mit heller Freude entgegengenommen. Wir plaudern zunächst zu dritt über dies und jenes, um dann zu dem ungezwungenen, sehr interessanten Gespräch über seinen Werdegang zu kommen. Ich erfahre, dass er seit zwanzig Jahren die Dorfkirche Salla neben der Bärnbachs und Kainachs innehat und vollends darin aufgeht, da er den von ihm abermals betonten Zusammenhalt der rund 300 Einwohner*innen, welche über den Berg zerstreut wohnen, äußerst schätzt und genießt. Ein Umstand, der mir bereits bekannt war. So geht unser Pfarrer stets mit dem Pfarrblatt von Haus zu Haus und ist immer für ein ruhiges Gespräch empfänglich. Persönlichkeit und Miteinander werden in diesem Dorf großgeschrieben. Während er an seinem Saft nippt, es im Kamin knistert und die Kühe hinter dem großen Fenster auf der Weide im Regen gelassen fangen spielen, erfahre ich einiges über die Kirchenstrukturen, welchen zu folgen mir schwer gelingt. Wie lange hatte ich mich nicht mehr mit meinem Glauben auseinandergesetzt? Ein Gefühl der Schuld wie bereits zuvor in der Kirche beschleicht mich - ich habe zu viel vergessen, kann nur noch dem einen oder anderen Gebet sprachlich folgen und auch die Ausführungen erscheinen mir neu. Doch meinem Gegenüber stört es nicht, selig erklärt er mir, was ich wissen will, viele persönliche Fragen ergeben sich und werden beantwortet. Wir sprechen über die von ihm gehaltenen Motorradweihen über den Segen, der auch gleichgeschlechtlichen Paaren zuteilwerden darf, bis hin zu den alljährlichen kirchlichen Wanderungen, welche zu unserer Kirche an dem Kriegerdenkmal vorbeiführen. Angeregt und vertraut lauscht der Schäferspitz zu des Pfarrers Füßen und auch meine Schwiegermutter sowie ich können kaum von der Ruhe, die dieser Mensch ausstrahlt, lassen. Ein Umstand, von dem wir noch lange zerren sollen.

Leise hört man das Gebell der übrigen Hunde im ersten Stock, als sich unser ehrwürdiger Pfarrer verabschiedet und mit sanftem Schritt unser Haus verlässt, um in der Dämmerung sachte wieder zu verschwinden. Ruhe bleibt, Frieden bleibt und der Wille, die Kirche nun öfters aufzusuchen.

Kurzgeschichten

Nocturne

"Rose, Rose, Rose? Bist du oben?", vernehme ich aus dem Erdgeschoß über die alten, knarrenden Holzstufen. Und nochmals: "Rose, Rose, ... Rosalie?" Herrgott im Himmel, was kann denn so wichtig sein, denke ich bei mir und blicke an mir hinab. Nun nur keinen unhöflichen Ton anschlagen und so tun, als wäre alles beim Alten. Etwas kränklich gebe ich in einer nasalen Stimmlage: "Ja, was ist denn?" von mir und hoffe, dass meine Stimme weder unhöflich noch einladend klingt. Einen Moment kommt es mir vor, als würde zögerlich ein Fuß auf die morschen Stufen gesetzt werden, doch dann höre ich bloß ein: "Hach, nichts ... ich wollte mich nur vergewissern, dass dir nichts passiert ist. Du bist heute so still!" und ich traue mich wieder zu atmen. Mein Blick wandert über die mit weißem Plüsch bedeckten Pantoffeln hin zu meinen rosarot angestrichenen Zehenspitzen, welche vor dem Plüsch hervorlugen. All die Strapazen meiner Jugend kann man von meinen Füßen ablesen, wird mir bewusst. Schmunzelnd frage ich mich zugleich, ob es auch Personen gibt, die sich anstatt auf das Lesen aus der Hand, auf Füße spezialisiert haben. Viel hätte man mir nicht mehr von der Zukunft zu erzählen. Wie lange bliebe mir noch? 10, 15 oder gar nur 5 Jahre? Sicherlich waren drei Viertel meiner Zeit auf Erden verstrichen und was auf mich noch zukommen würde, ja, das wusste nur die Göttin. Gebannt schweift mein Blick zu dem Bildnis Freyas und mich überkommt still der Gedanke, dass ich seit Jahren nicht gebetet habe. Zu sehr verließ ich mich auf die Gunst meiner Göttin, die mich durch die Opern der Welt trug oder hetzte. Wahrlich war sie meine Muse, doch schöpferische Kraft zugleich. Wie oft bat ich sie um jene, wenn mir die Beine und Arme vom ewigen Tanz abzufallen drohten? Stundenlang saß ich mit verstummten Tränen vor dem hölzernen Spiegel, dessen Intarsien abstrakte Rosen andeuteten, nicht fähig, nur eine Gefühlsregung nach außen dringen zu lassen. Nein, ich musste Freya sein und schon bald nannte mich die Welt bei ihrem Namen. Ein Hohn. Ein Hohn auch mein gebürtiger Name: Rosalie. Was hatten sich damals meine Eltern dabei gedacht? Wie hätte ich anders als sie werden können? Strikt folgte ich meinem Talent, das ich bereits mit drei Jahren zeigte, um schließlich mit 14 die Bühnen der Welt mit Blick gen Publikum zu sehen. Mein jetziger Blick schweift von meinen knöchrigen Füßen über die langen dürren, schneeweißen Beine, deren Muster vom Violett der Krampfadern die einstige Schönheit und Anmut zu Tode schlägt. Nur die Muskeln sind geblieben und hängen nun lasch, ungeformt an den Waden. Sie trotzen dem Alter, sie trotzen dem Vergessen und trotzen nicht der Schwerkraft. Wie alles an mir. Die weiße Seide meines Morgenmantels, den ich heute wohl vergaß gegen das sonst penibel ausgesuchte Kostüm auszutauschen, schmiegt sich an meine Knochen. Kalt. Sanft. Jugendlich. Verbergend, was ich mich nicht anzusehen getraue. Trockene, faltige, weiße Haut. Ich stehe da und blicke an mir hinab, die Hoffnung, das Einst durch starre, strafende Blicke wieder herbei zu beschwören, zerschlägt sich, als ich einen vermeintlich neuen Altersfleck auf meiner Hand entdecke. War der schon gestern da und ich bemerkte ihn nicht? Ja, habe ich ihn vielleicht sogar vergessen? Schwere macht sich in mir breit - unsagbare Schwere in einem schweren, alten Körper, dessen Seele zunehmend von Sekunde zu Sekunde altert. Schweren Schrittes versuche ich in meinen weißen Schuhen zu dem alten Grammophon zu tänzeln, um Chopins Nocturne Op. 9 gespielt von Rubinstein nochmals zu hören. Leise bewege ich den Hebel. Die Nadel rauscht, die Nadel krächzt wie meine alten Knochen und gibt sanft die nächtliche Melodie zum Besten. Ich raffe mich auf, blicke mit aller Kraft in den Spiegel, welcher an der Wand neben mir hängt, halte mich an der Stange fest und tippe leicht zur Melodie mit meinem rechten Fuß auf den zerschundenen Fischgrätparkett. Die Stange festumklammert mit der Linken hebt sich wie auf Befehl mein rechter Arm zu einem geschwungenen C hoch über den Kopf. Leicht wippen, leicht drehen, die Finger spitzen, den Fuß höher, noch höher - über den Schmerz hinaus lege ich mich in die Musik und vergesse für einen Augenblick meinen Körper. Die eindringlichen Klänge heften sich an meine Knochen, bewegen die daran hängenden Muskeln. Eins, zwei, eins, zwei - Drehung - eins, zwei, eins, zwei. Müde blicke ich nun doch wieder in den alten vergilbten Spiegel, mich starren blassblaue, ungeschminkte Augen an, in einem alten Gesicht, umrahmt von einer langen schwarzen Haarpracht zu einem Dutt geknotet. Wie oft sagten mir Freunde über meine Gewohnheit hinweg, dass ich diese offen tragen sollte. Wie vergeblich waren ihre Bitten. Mit einem Ruck öffne ich die Haarnadeln, lasse sie zur Melodie zu Boden fallen, setze mich auf den alten roten Jugendstilhocker und starre mich im Holzspiegel an. Grell erleuchten mich die an seinen Rahmen montierten Lampen, geben jedes Geheimnis preis, das ich doch längst weiß. Dann nehme ich den Pinsel und das Rouge, trage es sanft zwischen den Falten auf. Lege den purpurnen Lidschatten auf, um dann die Wimpern in sattem Schwarz zu tuschen. Alsdann streiche ich mir mit der Bürste durch das offene Haar, von dem ein Jasminduft ausgeht, lächle mich an, erhebe mich, tanze auf nun leichten Füßen über den Parkett. Hinter der Musik erscheint Freyas Stimme zart und doch so streng. Ich tanze wie auf Wolken, hell das Geklimper des vermutlich alten Klaviers. Wohliger Duft umhüllt mich und ich tanze wie damals - sanft, leicht, jung. Die Beine tippen vor und zurück, hoch und zur Seite. Langsam bewege ich mich zu Boden ... wie der sterbende Schwan. Die letzte Verbeugung, der letzte Gruß, das Klatschen verhallt und weicht einem in sich sterbenden: "Um Gottes Willen, Rosalieee!" 


Schafes Wolf


Es lebte einst ein Schäfer, dem seine Vollkommenheit fehlte, in dem kleinen Dörflein St. Johann des beschaulichen kleinen Landes Österreich. Er war gar ein ruhiger und zuvorkommender, etwas in sich zurückgezogener Zeitgenosse, dessen Schafherde nebst seines Collies Lumpi sein einziger Reichtum war. So war es auch, dass der Schäfer, dessen Namen hier nicht genannt werden soll, da er einer von vielen gewesen war, in einem abgelegenen Holzhäuschen am Rande des Waldes lebte. Abends schleppte er Holztrümmer in seine Hütte, um seine alten Knochen an dem noch älteren Kaminofen zu wärmen und der vererbten Kuckucksuhr stündlich zu lauschen. Es war ein hartes Leben, welches unser Schäfer fristete und er vermochte seine alleinige Zufriedenheit nur darin zu finden, wenn er in den vergilbten Enzyklopädien seines Großvaters blätterte. Als er jedoch eines Tages die Seite mit den Bildern und Beschreibungen zu Satan öffnete und über Mephisto las, beschlich ihn das Gefühl des Unbehagens, aber auch Verlangens in seiner warmen und doch so leeren, entlegenen Baracke. Die Holzdielen knirschten, wenn der Hund sich nur leicht bewegte, die kalte Zugluft verursachte ein Knacken in dem alten Gebälk. Es war gar nicht so, dass er die Abscheulichkeiten fürchtete, sondern mit dem Gegensatz seiner selbst nichts anzufangen wusste. Ein frommer in die Jahre gekommener Mann war er, dessen gesamte Existenz in Ruhe sowie Demut gegründet lag. Gleichsam erschrocken wie fasziniert blätterte er schließlich in dem Symbollexikon seiner mahagonifarbenen Bibliothek und fand den Verweis zu sämtlicher themenspezifischer Literatur. So kam es, dass er mit Lumpi, nachdem er die Schafe auf die Weide getrieben hatte, all seinen Mut packte und in die städtische Buchhandlung pilgerte, um die im Lexikon erwähnten Werke zu erwerben. In der Tasche sein Erspartes für noch armseligere Tage, nun aber mit dem Entschluss erfüllt, sich sein Dasein mit der Literatur über Luzifer zu versüßen. Zu lange hatte der Mann allem entsagt und bloß von Zwiebeln, Kartoffeln und Brot gelebt. Nun dachte er jedoch bei sich: "Bin ich in der Großstadt, welche der Sündenpfuhl schlechthin ist, darf ich mir auch ein Bier gönnen." Kaum hatte er diesen Entschluss gefasst, sah man ihn mit dem Hund auch schon auf eine alte Taverne zuschreiten, aus der lautes, trunkenes Gebrüll drang. Lumpi, der nur der Ruhe des kleinen Ortes vertraut war, dem Tiere lieber als andere Menschen waren, verbarg sich hinter seinem Herrn und trottete mit eingezogenem Schweif in die unbekannte Gaststätte. Nachdem sich die beiden zu Tisch in einer Ecke begeben hatten, er sein erstes Maß Bier getrunken hatte, überkam ihn ein seltsam dunkles taubes Gefühl. Er entsann sich der Zeilen der Enzyklopädie und erinnerte sich daran, dass er sich die Hölle ebenso vorgestellt hatte, wie er nun empfand. Doch wie es nun einmal ist, war der Durst geweckt und unser Schäfer bestellte sich ein weiteres Maß Bier, bis er schlussendlich, weil die Wirtin grenzenlos überfordert war, mit vier leeren Krügen in seiner Ecke saß. Das anfangs laute Geschrei glich nun einem einladenden Jodeln, welches ihm vertraut war und so stimmte er lautstark und falsch in die Lieder mit ein. Nur Lumpi verkroch sich zunehmend, seinen Herren nicht erkennend. Es wurde gefeiert, der Fremde in der Runde der Trunkenbolde willkommen geheißen und aus dem Nachmittag wurde Nacht. Langsam verformten sich die unrasierten Männergesichter zu Fratzen, welche sich verheißungsvoll auf ihn zu stürzten drohten. Aus unserem Schäfer wurde ein wütender Wolf, wie man ihn nur aus der alten Symbolik sowie Motivik kennt. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich an den Fremden zu rempeln, zu ergötzen und schließlich in einem sehr ungelenken Kampf wiederzufinden. Blutüberströmt kroch er auf allen Vieren zu seinem Platz unter dem sein treuer Gefährte zitternd auf ihn wartete. Auf seinen Herren, den er so nicht kannte, dessen Seele von etwas gefangen schien, das er nicht zuzuordnen wusste. In all seiner Verzweiflung und blinden Wut sprang das Tier aus seinem Versteck, zerrte den besudelten Schäfer unter dem Tischlein hervor und begann herzzerreißend zu jaulen. Die Gäste, deren Wut nun über den Lärm des Tieres, welcher den Lärm der eigenen Trunkenheit übertönte, wurden wütend und warfen beide unsacht aus der Taverne. Wir wissen nicht, wie der Schäfer es mit seinem Hund schaffte, doch frühmorgens erreichten sie wieder geschunden und völlig erschöpft deren Herberge. Zu den dumpfen Kopfschmerzen gesellten sich nun Gliederschmerzen, wodurch der alte Mann sich seiner selbst über all diese Misslichkeiten erkannte und nun wusste, was ihm fehlte: Seine eigene Vollkommenheit, sein Wissen seiner Natur. Er hatte nun den Gegensatz seiner selbst erlebt und fand sich wieder, in dem, was er erstrebt hatte: Glückseligkeit, welche er in seiner gewohnten Umgebung fand. Es gehört wohl doch zu den Unvollkommenheiten unseres Wesens, dass wir erst durch den Gegensatz hindurchmüssen, um zu erreichen, was wir sehnlichst erstreben. 


Zeitgenosse*in

Einsam ... einsam sitze ich hier und überlege, überlege, wohin mich meine Gedanken führen. Zu oft wurde meiner geschundenen Seele eine Verlorenheit nachgesagt. Gefangen in der Philosophie des Seins. Und doch bietet diese Disziplin alle Freiheit dem Geist - in einem hermeneutischen Zirkel. Ich tauche in die Unendlichkeiten des Kosmos ein. Es ist ein feinstofflicher Kosmos, welcher aus Gedanken besteht und sich durch Gedanken formt. Eine Unendlichkeit. Willst du nur der Affe deines Gottes sein? Oder der Dirigent? Ich entscheide mich für eine Mischung aus beidem und mutiere zum dirigierenden Affen. Gefangen in den Möglichkeiten des Vorstellungsvermögens, frei wie ein Vogel über die Bebilderungen verfügend.

Leise nieselt der Regen auf die begrünten Flächen der abgegrasten Weiden, während ich mich in den Opium-Jasmin-Duft, verdampft durch mein Räucherhäuschen, verliere. Die Tropfen auf der Fensterscheibe verschleiern langsam die Sicht und bilden einen Rinnsalreigen mit den zarten Melodien Manchester Uniteds, welche leise auf die Innenseite des Fensters prallen. Die letzten Kühe erhaschen die letzten Grashalme, ich stehe da im Kreise meines Seins, weiß nicht, ob ich wache oder schlafe. Fein ist die Umgebung geworden - sehr behutsam hülle ich mich in die Atmosphäre. Ich bin keine Mutter, keine Braut, ... ich bin Königin - Die Königin des Moments. Blickend aus dem alten Haus, dessen Fassade wohl schon glücklichere Tage erlebt hat, rahmt meine Gestalt ein alter Fenstersims, woran breite grüne in Holz gefasste Flügel montiert sind. Der Lack splittert von dem Gebälk, die Mauer ist rissig in ihren roten Nuancen des uralten Gesteins. Sanftes Licht dringt zu euch hinaus, euch -die Gestalten, die Umrisse der Nacht. Es ist ein warmer, flackernder Schein der verbliebenen Kerzen, welche mir die Sicht in das dunkle Blau der Nacht ermöglichen. Schemenhaft erkennst du mein weißes Kleid, welches von dort unten grau anmutet. In einem Anflug von Selbstzweifel überkommt dich die Unheimlichkeit meiner Gestalt. Die Kühe grasen unbeholfen weiter, noch ein letzter Grashalm vor dem Schlafenlegen im einsamen Regen. Nicht nur die Kälte lässt sie erschaudern, langsam verfeinern sich die Regentropfen zu Schneeflöckchen. Die Tiere da draußen vergessen und doch im Mittelpunkt der Überlegungen, der Sicht ... drängen sie sich in das Wissen über des unendlichen Augenblicks. Eine reine Reflexion des schadhaften Vergessens eines Bauern. Langsam erhebt sich der Mond in seiner silbernen Pracht, eine sonst glasklare Nacht verbirgt die Wärme des Waldes, erstickt sie und wirft sie in Schatten zurück. Dampfend entsteigt dem Duft des Earl Greys, dessen Bergamotte-Note Wärme verrät, eine Gestalt. Leise tänzelt sie vor mir, während ich behutsam mit dem Finger darüberstreiche. Sanft streichle ich die filigranen Rauchwolken. Beschwörend und doch erfüllt von Mut staut sich in mir ein Luftwall, welcher alsbald in Kraft durch das nun geöffnete Fenster schwebt - hinüber zu den Kühen. Wärme für die Tiere, ein bisschen Geborgenheit schenkend, in diesen kalten Zeiten der Entbehrung. Vergessen sind wir und im selben Augenblick sind wir die Herrscher der Wahrnehmung. Denn die Figur im Fenster bist du, bin ich, sind wir. Das Schlachttier bist du, bin ich, sind wir. Wärme überkommt uns in Anbetracht des einen aufmerksamen Seins, zusammengefügt in einem unendlichen Kosmos des unsterblichen Seins.

Du darfst aufwachen, so wie ich einst aufwachte - das Rinnsal des Regens ist verdampft, die Kälte wich Wärme. Du sagst zu mir, dass ich eine verlorene Philosophin bin... Du? Wer schenkte den Kühen nun gedanklich die Wärme - eine imaginäre Kraft ... die Liebe zur Weisheit.


Die rote, saftige Erdbeere Stella

Es war einmal eine große saftige Erdbeere, sie war ganz alleine in einem Erbsenfeld. Die Erbsen verspotteten sie wegen ihrer Andersartigkeit, doch war sie so schön rot und in sich vollkommen, dass sie die Hoffnung nicht aufgab, jemanden doch noch glücklich zu machen. So saß oder hängte sie einsam im Erbsenfeld mitten im Grün und wusste weder ein noch aus.

Eines Tages hörte sie von der Ferne ein Hopsen oder fühlte viel mehr die Vibrationen des Bodens - es musste sich etwas nähern. Es musste eine andere Lebensart sein, denn keine der Erbsenpflanzen vermochte diese Erschütterungen zu erschaffen, noch zu erwirken. Die Erdbeere, saftig, rot und in voller Pracht, schrie zu der Blüte oberhalb ihr: "DA kommt jemand! Ein Wesen von weit und fern." Doch die Blüte war stumm, wie sie es gewohnt war, gab ihren einzigen Austausch der Biene hin, welche von ihrem Nektar trinken durfte, um die Saat weit ins Land zu bringen und vielleicht auch weiter auf das Erbsenfeld. Wer weiß? Doch sie antwortete nicht. Plötzlich stand ein Hase vor der großen, roten Erdbeere, erschrak und war entzückt zugleich: "Dich werde ich fressen, du saftig, große, rote Erdbeere!", juchzte laut der Hase in die Weiten des Erbsenfeldes. Doch die Erdbeere erschauderte, nie wollte sie von solch' einem schreienden Ungetüm verspeist werden. So erhob sie ihre Stimme und widersprach: "Mein Herr, ich bin noch nicht, saftig, groß und rot genug, kommt ein anderes Mal wieder!" In ihrer Stimme die leise Hoffnung eines Aufbegehrens, aber auch der Erlösung durch etwas Lieblichen. So hoppelte der Hase wieder davon, im Gedanken, dass er in den nächsten Tagen wieder kommen würde und eine saftige, rote, große Erdbeere verspeisen würde. Der Tag wurde zur Nacht und die Nacht zum Tag, die Erdbeere lag jedoch wach, weil sie so enorm wuchs und sich trotzdem so nichtsnutzig alleine fühlte. Die Erbsen hingen über sie, die Sonne konnte sie nur erahnen, doch ihr Wille war ungebrochen. Plötzlich vernahm sie wieder Vibrationen und sie erschrak schon beinahe, dass der Hase wiederkehren würde, doch es war ein Mädchen, das leise, aber sehnsüchtig sprach: "Ich habe solch' einen Hunger!" Die Erdbeere rief: "Mein liebes Kind, hier unten bin ich, ich bin saftig, rot und reif, pflücke mich!" Die Erbsen erblassten im Angesicht der Harmonie, die das Mädchen und die einzige Erdbeere am Feld ergaben. Sie riefen nun im Chor: "Du musst uns nur kochen, auch wir wollen dir gesundes Leben einhauchen!", doch das Mädchen hatte nur Augen für die saftige, rote, große Erdbeere, kniete sich andächtig hin und fragte nochmals: "Darf ich dich verspeisen?" Die Erdbeere rief nun aus vollem Halse: "Ja, aber ja, durch dich möchte ich weiterleben!" So pflückte das Mädchen die Beere und verschlang sie mit der stummen Einladung, durch sie weiterzuleben. Der rote, reife, süßliche Saft der Erdbeere durchströmte des Mädchens Magen, ihre Glieder und schließlich ihr Herz, wo der Geist der saftig, roten Erdbeere tanzte und sang: "Auch ich finde meinesgleichen! Auch ich bin Teil der Natur!" und so lebten das Mädchen, gelabt an der Erdbeere, und die Erdbeere in ihrem Herzen weiter.


Lora

Für Carry S.

Ein Leichtes ist es dem Film: Paukenschläge, Trompeten, aufflimmernde Schriften... Würde ich einen Film kreieren, wäre es wohl die Anfangsmelodie von Space Oddity. "This is groundcontrol to major Tom" hallt es nun also aus den Lautsprechern. Zu sehen ist die Unendlichkeit des Universums, welches zu implodieren droht. Explodieren mag dem schlussendlich nicht gleichkommen, was mein Auftragsgebiet nun erlebt. Des Weiteren stellt sich die Frage, wohin eine solche Unendlichkeit sich ausdehnen sollte. Unvorstellbar. Unvorstellbar auch, was mir alltäglich passiert. Mein Name ist Lora, ich wurde 1963 erschaffen und mir kommt die unvermeidliche Aufgabe zu, den Kosmos wieder zu ordnen. "Take your proteinpills" würde nun weiterhin zu hören sein. In der Totalen ein Mund, auf der Zunge meine Geringfügigkeit. Ich bin weiß und rundlich geraten, auf meine Stirn ist eine Zahl tätowiert, die meine Zugehörigkeit verrät. Ich bin eine von vielen und doch gibt es mich nur ein Mal. Ich bin geklont. Die Reise geht weiter in die Unergründlichkeiten eines Schlunds, um in helle, doch zugleich dunkle Atmosphären zu gelangen. Hier sind wir also, im Universum des Seins. Willkommen! Willkommen im Leben!

Tom schüttelte es durchgängig, Eisesfrost stieg in ihm auf, um schließlich tief und doch unsagbar hoch zu fallen. Welcome to the dark side of the moon, begrüßte ihn seine innere Stimme. Schatten legten sich auf seine Augen, wo sie in die den Unendlichkeiten seiner Pupillen verschwanden. Sie zogen all sein Leben aus den Gliedern, die nun steif wie Äste an ihm herabbaumelten. Hatte er überhaupt noch die Kontrolle über seine Arme, Beine, Finger, Zehen? ... selbst seine Zunge erstarrte im Augenblick des Nichtseinwollens und der Begierde, sich aufzulösen. Sein Blick verharrte, als tausend Sterne auf ihn zurasten. Er schwebte. Schwerelos, atemlos ... gefangen in einem weiß-grauen Raumanzug, der ihn von seiner Umgebung trennte, diesen surreal wirken ließ. Doch welche Aufgaben kamen noch Farben zu? Sie sind Qualitäten anhand von Substanzen. Einer Substanz, die sich im Nichts verflüchtigen würde. Groundcontrol to major Tom. Keine Antwort. Die Verbindung war gekappt. Wo war Lora? Das Es, welches sich mit ihm vereinigen konnte, um seiner Seele wieder ein Dasein zu bieten. Sie oder Es vermochte ihm Liebe zu schenken, Liebe zu ihm, Liebe zu seiner Umgebung, ja, ein Körpergefühl. Die Wärme würde wieder durch seine Glieder fahren und sie zu neuem Leben erwecken. Doch um dieses Wesen zu sich zu holen, brauchte es mehr, es brauchte einen Willen und verdammt nochmal die Herrschaft über seine Glieder. Mühsam wand er sich, räkelte er sich, drehte er sich. Gefangen im Nirgendwo. Beschwerlich ruderte er mit den Armen, die so gar nicht zu ihm gehören wollten, Panik versteifte ihn zusätzlich. Biochemischer Cyborg, dachte er sich, als Lora in der Ferne erschien. Ihre Anwesenheit ließ ihn langsam aufatmen. Es würde nun nicht mehr lange dauern und er würde sich mit ihr vereinigen. Zeitenlos. Anstandslose Hingabe. Samt. Vor seine Pupillen schob sich ein leiser Lichtstrahl. Lora war angekommen, erfüllte ihn nur langsam. Mit zarten Händen streichelte sie über seine Glieder, die zu kribbeln begannen, die sich wieder und wieder regten. Doch nur sanft und mit Bedacht. Das Rauschen, das er noch zuvor hörte, verkam der Melodie des Kosmos - geordnet, logisch, strukturell. In dem Liebesgetummel, welches sein Herz nun ruhig und endlich unauffällig schlagen ließ, erschienen die Farben heller als zuvor. Sachte, ganz sachte, formierten sich die Gestirne neu, jeder Stern verwies sich selbst auf seinen Platz, bekam Konturen und wurden ihm vertraut. Wie schön die Umgebung doch war. So vertraut und doch so neu. Der Kosmos wurde neu belebt, die Entitäten formierten sich. Er bäumte sich auf und rief: Major Tom to ground control.

Ich bin Lora, Lorazepam. Meine Aufgabe ist es, mich durch die Verbindung C15H10Cl2N2O2 mit deinem Organismus zu koppeln. Dich zu retten. Dir Leben einzuhauchen, wo kein Leben mehr ist. Schnell bindest du dich an mich und ein Über-leben wird dir zuteil. Doch wage es nicht, ohne mich auszukommen. Du wirst mich vermissen, denn ich nehme dir deine Selbstständigkeit, deine Selbstgefälligkeit. Du kannst mich nur langsam weichen lassen. Amazing grace...

Abspann, THE END

Rebekka Maria Peckary


Ein bisschen Freiheit

Es ist 5.30 Uhr, leise hört man ein Keuchen gepaart mit leichtfüßigem Getrampel, die Sonne erscheint mühsam am Firmament, bahnt sich ihren Weg durch das Dickicht des dunklen Waldes. Die ersten Vögel zwitschern andächtig und voller Lebensfreude und verstummen nach einem kurzen warnenden Aufschrei, als das Windspiel beginnt. Das Zirpen der Grillen erstirbt. Wind bläst durch das braune, schwarze Fell, lässt es in einem Reigen bis ans Ende des Körpers tanzen. Die Haarpracht findet sich in einem Sog der puren Bewegungslust und schickt kleine Wirbel in die Atmosphäre. Das Schnaufen der kalten Nase zaubert kleine Wassertropfen auf das vom Wind verwehte Haarkleid. Die mandelfarbenen Äuglein sind geweitet und versprühen ein Funkeln, welches nur in den Augen eines Hundes zu finden ist, wenn dieser seine Muskeln in Harmonie durch die Natur bewegt. Da ertönt ein zweites, ein drittes und ein viertes Quartett Pfoten - silber-weiß, grau-braun und mahagonifarben. Das Windspiel wiederholt sich und reißt in die Kühle des Waldes Wärme. Pure Lebensfreude, die das Dunkel sinnlich erhellt, hallt durch das schlafende Geäst. Ein Sprung, ein weiterer über knirschendes Gestein bis hinauf auf den Gipfel, wo sich die Kühle des Baches in die erhitzten Fellkleider mischt, um sich sanft an den liebestrunkenen Körper zu schmiegen.

Für unsere Hundskinder

Rebekka Maria Peckary


Dreiecksbeziehung - "Rot"

Der herbe Duft von erkaltetem Earl Grey Tee stockte ihr den Atem. Die silberne Platte mit den frisch gebackenen Schokoladenkeksen stand unangerührt auf dem Mahagonitisch, der Tisch aus einer vergessenen Kolonialzeit - ein Erbstück ihres Großonkels. Alles verblasste, alles alterte, alles verwelkte ... Innerlich starb sie tausend Tode, als sie auf das Papiertaschentuch blickte, das sie in Freds Hosentasche gefunden hatte. Mit schnörkeliger ungeschickter Schrift stand in sündhaftem Lippenstiftrot "Ich liebe dich" darauf. Ein Indiz aus unbekannten Tagen der fremden Unbescholtenheit und doch so verwegen, ein Verrat, der sich vermutlich anbahnte, wie sie meinte. Hatte sie doch längst die Kunst des Verführens verlernt und sich der Sicherheit der 10-jährigen Beziehung zu Fred hingegeben. Das kleine Schwarze passte nicht mehr, ebenso wie die Haare nicht mehr lasziv in tadellosem Blond ins Gesicht hingen und sich ab und an in den schwarzgetuschten vollen Wimpern verfingen. Gewichen war alles dem gemütlichen Jogginganzug, den kurzen, feinsäuberlich abgekauten Nägeln, einem Aschblond, das am Ansatz ihre wahre Haarfarbe verriet, dem einvernehmlichen Schweigen zwischen ihr und ihm. Ein verheißungsvolles Schweigen. Ein Schweigen, das zu einem tonlosen Schrei angesichts der fremden Schrift nun verkümmerte. Wie lange betrog er sie schon? Wem gehörte die fremde Klaue, der sie jedoch Sinnlichkeit zusprechen musste? Das Rot verschwamm unter den Tränen, die sich jetzt schweigend ihren Weg über die Wangen bahnten und der Situation einen salzigen Beigeschmack gaben. Wo blieb er? War er bei ihr? Die Fragen verhallten in ihrem Kopf, als sie durch ein "Schatz, ich bin zuhause" unterbrochen wurden. "Hohn, purer Hohn", dachte sie und schleuderte ihm einen erbosten, feuchten Blick Richtung Vorraum zu. In ihrer Hand das verwaschene Taschentuch, getränkt in dem Beweis der seelischen Demütigung, den Tränen. Zitternd mit Blick auf das Beweisstück nahm er ihre Hand und meinte in ruhigen, aber ebenso peinlichen Worten: "Ich kann es erklären!" Sein Blick dabei traf sie wie eine Ohrfeige, welche sich angebahnt und eingeübt hatte. Eingeübt für den Tag, an dem die Hüllen fallen würden. Ihr fiel es wie Schuppen von den Augen. Wer war er - dieser Fremde? Die einst so vertraute Stimme verkam einem Krächzen. Teuflische Laute, die sie und ihre Liebe verraten hatten. Dieser Verrat, so stellte sich nun heraus, hatte einen Namen. Manuela. "Manuela ist die neue Aushilfskraft", begann er mit ruhig formulierten Silben. Sie würde ab und an solche Scherze mit ihm treiben. Sie sei seine von den Kollegen ernannte "Arbeitsehefrau", weil sie sich so gut vertrügen. "Hohn, purer Hohn", hallte es zwischen ihren Ohren, welcher Ton von dem eines nun beginnenden Schluchzen untermalt wurde. Es gab eine Ehefrau, eine, und die war real und amtlich! Doch was war schon real angesichts des verführerischen Rots, das nun neben ihrer reinweißen Liebe sogar ihre Hände beschmutzte. Wie klebriger Verrat und Herzblut klebte dieses auf ihren zarten, nun kraftlosen Fingern. Gefährlich nah kam sein Gesicht an ihres, um ihr einen verstohlenen, ja, trügerischen Kuss auf die Wange zu geben. Da entfachte die innere Kraft. Aus der Stille, aus der Befangenheit wurde nun aus der Ruhe Sturm. Sie begann aus tiefstem Herzen ihren Schmerz in die Welt zu brüllen, als sich ihre Hand erhob, ihn an den Haaren packte und mit einem Ruck zu Boden warf, um dann rittlings auf ihm sitzend in sein verstohlenes Gesicht zu schlagen. All die Wut, all die Trauer prangten nun in Form von Striemen auf seinem Gesicht. Rot - Rot wie der verheißungsvolle Lippenstift. Rot wie der Phoenix, der sich zu Leben erhob.

Rebekka Maria Peckary 


REST

Ich bedeutete Charlotte, mir endlich die Wahrheit zu schildern. Zunächst noch ruhig, bald zitternd, erzählte sie mir von den Ungeheuerlichkeiten, die Toby ihr angetan hatte. Doch es wäre alles nicht so schlimm, sie hätte es schlussendlich verdient.

Die Wohnung war aufgeräumt und es duftete nach den ätherischen Ölen, die Charlotte so gerne in den Eimer mit Wasser kippte, um dann die Wohnung zu säubern. Die Räucherstäbchen glühten anmutig vor sich hin und beseitigten die bösen Geister, nichtsahnend, dass das Böse jeden Moment heimkehren würde. Das eingeschüchterte Mädchen blickte in schwarzuntermalene Augen. Augen, welche stets die Psyche widerspiegelten, die Psyche eines Mannes, den sie so nicht mehr kannte. Sediert und gleichzeitig wie ein Hochleistungspferd auf der Treibjagd. Die Pupillen waren geweitet und füllten beinahe die Iris. Nur ein schwacher Ring trotze dem drogenverseuchten Schwarz. Charlotte wusste, dass sie nun kein Wort sagen durfte. "Wo und wer bist du?", hallte es durch ihren Kopf. Unmöglich nur eine Silbe des Willkommengrußes über die Lippen zu bekommen, lächelte sie gezwungen. "Sahst du wieder in den Computer? Tausendfach habe ich dir befohlen, die Finger von ihm zu lassen!", brüllte Toby, als er den verrückten Schreibtischstuhl sah. Er hatte sie ertappt und unfähig es auf die Putzaktion auszureden, gestand sie und wie von alleine begann ihr Mund verheißungsvoll zu verbalisieren: "Du bist ein Schwein!" Während sie sich im Fortbildungszentrum Wissen aneignete, verbrachte er seine Zeit auf YouPorn und sah sich die perversesten Filmchen an, privat aufgenommen. Stets die Gleiche ... obszön einen Schmetterling in ihren unteren Bereich tätowiert. Der Mann stöhnend halb zum Schmetterling, halb zu seinem Objekt, wie gut sich der Sündenschlund anfühlen würde. Kaum dachte sie das, riss sie die Höhe seiner Arme, welche Charlotte über seinen Kopf stemmten, aus ihren Gedanken und damit auch den Boden ihr unter ihren Füßen weg. Sie hörte noch ein lautes Brüllen: "Du Schlampe, fick deine Schwester", als sie auch schon in hohem Bogen auf den Boden segelte ... wie in Zeitlupe ... wie durch tausend Zeiten - vor den Augen das clown'sche Gesicht, der Mund breit, die Person dahinter ebenso. Aus den Lautsprechern tönte nun God hates us all. Während sich Charlotte am Parkett krümmte, sie versuchte, ihre Wirbelsäule wieder zusammen zu räumen, lauschte sie den halb gesungenen Worten und dachte: "Mich am meisten". Mühsam rappelte sie sich wieder auf und konnte nicht anders, als ihm hinterher zu rufen: "Und deine Mutter war am Strich! Du bist nichts besser als die Freier!" Wutentbrannt stürmte er auf sie zu, hob sie nochmals hoch, warf sie durch die Glastüre, um dann das Kissen auf ihr selig unschuldiges Gesicht zu pressen. Zwischen dem Gedanken: "Wie soll ich das nun der Vermieterin erklären?" und "Ich will ohnehin nicht mehr", war es der Instinkt, den sie bis heute nicht verloren hat. Ihre Beine holten aus, trafen den Mann dort, wo er noch Stunden weiterhin eine Erinnerung an sie hätte, und riss den Polster von ihrem Gesicht. Sie schnappte nach Luft, die eiskalt durch die Luftröhre stob, um in ihrer Lunge zu ersticken. Es dauerte noch lange bis sie ihn verließ oder er von ihr abließ ...

"Das ist ein Ausschnitt, Emma!", erklärte Charlotte und wollte ihren Peiniger gutheißen, indem sie hinzufügte: "Ich hätte diese Worte nicht wählen dürfen!" Davon kamen also ihre Narben, nicht, wie ich zuvor dachte, sie wären aus einer Borderlinevergangenheit. Diese Narben waren nicht oberflächlich, diese Geschwulst war in ihr ... 

Rebekka Maria Peckary


Atelier eines erfolglosen Malers

Du betrittst einen quadratischen Raum und fragst dich, wo du heimlich das Zeitungsstück finden würdest, das du deinem Großvater vertraulich zugesteckt hast. Dein Blick schweift durch das nach Lacken duftende Zimmer, als du verharrst und gebannt auf das Gemälde, das auf der Staffelei prangt, blickst. Rechts liegen unangerührt und wohl säuberlich in Nitro ausgewaschene Pinsel, daneben verharrt ein halb verdunstetes ölhaltiges Glas Wasser. Einsam steht es auf dem Beistelltisch aus kaltem Metall, gar so, als würde es der stickigen Schwüle vehement, aber erfolglos zu trotzen versuchen. Einsamkeit hallt durch den Raum, beklemmend die Schwärze der Wände, die dein Großvater halb im Taumel, halb in Verzweiflung bemalen hat. Die quadratischen Vierecke versammeln die Lichtstrahlen und verschlucken sie bedingungslos. Du reißt die grauen, blickdichten Vorhänge zur Seite, um etwas Licht einatmen zu können, um der Petroleumlampe, die du in deiner rechten Hand hältst, eine Auszeit zu gönnen. Sanft gleiten die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne in das Zimmer, wo sie von dahingeworfenen Skizzen auf losen Papierfetzen, die am Boden verstreut liegen, reflektiert werden. Eine kleine Bibliothek mit vergilbten und zerrissenen Büchern kommt zum Vorschein, als du dich sachte umdrehst und wieder Richtung Türe blickst. Es ist gar so, als wäre der einzig warmanmutende Gegenstand dieses Raumes aus seiner Zeit entwendet und würde nun einsam der Trübseligkeit des Raumes anheimfallen. Trostlosigkeit macht sich in dir breit. Trauer gesellt sich dazu, während du auf das verstaubte Glasregal mit den geleerten Absinthflaschen blickst. Die Becher daneben in Wut wegen der fehlenden Anerkennung zerschlagen fristen als Zeugen ihr Dasein in verklebten Plastikscherben. Dein Blick und deine ganze Aufmerksamkeit richten sich wieder auf das Gemälde, das farblos wenige Striche einer hässlichen Fratze anzudeuten vermag. Gebannt von diesem Blick, der dir entgegenstarrt, sackst du in dich zusammen, krümmst dich unter der Last des Misserfolgs deines Großvaters, dessen wahre Begabung im Alkohol ersäuft wurde. Kälte überkommt dich, als du geschunden wieder Richtung Bücherregal blickst und den Zeitungsartikel in Fetzen darunter verstreut erkennst. 

Rebekka Maria Peckary 


Literaturanalysen

Steinhöfel - Rico, Oskar und die Tieferschatten

Rico ist ein Junge, der öfters etwas langsam beim Denken ist und etwas vergisst. Er drückt es folgendermaßen aus: "[...] und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. [...] Aber manchmal fallen ein paar Sachen raus, und leider weiß ich vorher nie, an welcher Stelle."[1] Er lernt den ungleichen Oskar kennen, der fortan zu seinem besten Freund wird und den er vor Mister 2000, einem Kindesentführer, retten wird. Gezeichnet werden zwei Jungen, die wohl eher der Außenseiterrolle angehören, sich im Laufe der Geschichte jedoch zu Helden entwickeln. Nicht nur hierin findet man ein Identifikationsmerkmal, sondern auch in der sprachlichen Ausgestaltung. Die Sprache (Wortwahl und Syntax) ist einfach, locker und unkompliziert. Etwas kniffliger und interessant sind die kindlichen Wortneuschöpfungen und Metaphern, die mit dem lesenden Kind besprochen werden können bzw. sollten. Geschildert wird in dem homodiegetisch erzählten Roman außerdem ein schwieriges Familienverhältnis, welches jedoch kindergerecht aufbereitet wird. Die Mutter ist alleinerziehend, vom Vater weiß man so gut wie nichts und Rico sucht für seine Mutter gleich insgeheim einen neuen Freund, den er im Nachbarn sieht, aus. Sie arbeitet nachts in einem Nachtclub und obwohl sie damit restlos überfordert scheint, nimmt sie sich stets für Rico und seine Angelegenheiten Zeit. Dieser wiederum möchte seiner Mutter nicht unnötig zur Last fallen, weshalb er ihr auch von seinem Vorhaben nichts erzählt. Sie ist eine liebende Mutter, die nicht nur ein familiäres Bewusstsein hat, sondern auch Rico vermittelt, Verantwortung zu übernehmen - sei es im Sinne von Überlebensstrategien oder für die Mitmenschen - Rico übernimmt Verantwortung.

Steinhöfel verzichtet in seinem kindergerechten Kriminalroman auf Elemente des Phantastischen und erzählt sehr realitätsnah. Wir haben es hier mit einem modernen Kinderroman zu tun, der den sozialen sowie kulturellen Wandel berücksichtigt und diesen miteinfließen lässt. Berichtet wird in dem eigentlichen Aufsatz an den Lehrer selbstverständlich mit einer stark subjektivierenden Erzählweise, was sich in authentischen Monologen widerspiegelt. Das Ästhetische geht eindeutig vor dem Pädagogischen. Auch wenn das Buch unweigerlich die Tugend der Verantwortung und des Mitgefühls vermittelt, so steht diese jedoch eher im Hintergrund, ja, läuft beiläufig mit. Der/die Lesende identifiziert sich mit einem empathisch starken Charakter, der auf eine bessere Zukunft abzielt. Des Weiteren ist die geringe Anzahl an Figuren zu nennen, die dem/der Leser/in ein überschaubares Setting liefert. Allein die geschilderte Wohnungsaufteilung in der Dieffenbachstraße dürfte etwas knifflig sein, doch dem schafft Steinhöfel Abhilfe, indem er gleich zu Beginn das Haus mit eingezeichneten Familienwohnungen abbildet.[2] Die Dieffenbachstraße ist ebenso ein Charakteristikum des authentischen Kinderromans. So findet man diese in Berlin. Der Autor verbindet seine eigene Lebenswelt, denn er lebte selbst in dieser, mit der fiktiven.


[1] Steinhöfel, S. 11

[2] Vgl. S. 5

Martin Klein - Wie ein Baum

Florian Erdmann, ein 12-jähriger Schüler, hat eine besondere Affinität zu Bäumen. Er streift stets mit seiner Freundin Meike und deren Hund Humboldt durch die Wälder, wo sie Käfer sammelt und er Pflanzen begutachtet. Als er eines Tages in der Schule eine seltsame Stimme hört, wird schnell klar, dass diese von dem Ficus, welcher halbverdorrt auf einem Schrank steht, kommt. Ist es zunächst nur ein leises Plappern, wird ihm bald bewusst, dass er die Stimmen der Pflanzen hören kann und so rettet er das kleine Bäumchen. Zunächst unterhält er sich mit dem alten Ahorn, welcher sein Baumhaus beherbergt und sein ganz persönlicher Rückzugsort ist. Später kommuniziert er mit allen Zimmerpflanzen, die er wie seine Schätze hütet. Doch es bleibt nicht dabei, nur die Stimmen zu hören, sondern er beginnt sich langsam in eine Pflanze zu verwandeln. Seine Haut wird grünlich, ebenso wie seine Haare. Außerdem verändern sich seine Geschmacksnerven - liebte er früher noch den Kuchen der Oma, bevorzugt er nun Kompost und Regenwasser. Er gilt als biologisches Phänomen und muss schließlich vor einem Gentechniker, der seinen Ruhm wittert, flüchten. Florian, dessen Abenteuer im Stil des Nature Writing geschrieben werden und durch den man viel an Wissen von der biologischen Vielfalt unseres Planeten erfährt, flieht schließlich auf die Insel Teneriffa, wo ihm die Heilkundige Hilde von Bingen mit den Worten "Körper und Seele sind eins. Wenn du nicht danach handelst, zeigen sie es dir"[1] zurück in den menschlichen Körper holt.


[1] Klein, S. 259

Vieweg Oliva - Endzeit

Zunächst fällt das Cover auf, welches bereits auf die Handlung verweist und die zwei Protagonistinnen darstellt, wie sie auf dem Weg durch eine verlassene Gegend sind. Auffallend ist auch das pinke Z im Titel "Endzeit", welches vermutlich eine Verbindung zu den pinken Haaren der Protagonistin Vivi darstellen soll. Schlägt man das Buch auf, findet man auf der Schmutzseite hinten wie vorne colorierte Seiten, die die Bedrohung der Umgebung bereits ankündigen. Eine Seite weiter wird die verlorene Kindheit gekonnt mit einem blutverschmierten Ball präsentiert und man wird so auf die Handlung eingestimmt. Abgeschlossen wird das Werk mit zwei Panels, die jeweils eine Seite füllen und den inneren Frieden Vivis darstellen sollen, da die Farben in Pink- und Violetttönen, die eben auf das Colorit der Hauptperson abgestimmt sind, vorherrschen. Die Worte "Nein, ich schlafe nicht" bekommen diesmal einen kraftvolleren Beigeschmack.

Mutet die angebissene Erdbeere auf Seite 4 zunächst irritierend an, wird einem auf den folgenden Seiten klar, wieso diese bereits vorab abgebildet wurde. Dies hat zum Grund, dass Vivi privilegiert von der Heimleiterin der Psychiatrie, die in Vivi ihr verlorenes Kind zu sehen scheint, Erdbeeren geschenkt bekommt - eine Mangelware. Doch Vivi tauscht auf den folgenden Seiten diese gegen einen Kohlrabi. Es wird dadurch vermittelt, dass die Protagonistin Mitleid mit ihrer Umgebung hat und sie sich durch eine gehörige Portion Empathie auszeichnet. Die erste Seite, auf der die Handlung beginnt (Seite 5) zeigt in einer Totalen bestehend aus einem Panel die Stadt Weimar und der Leser/die Leserin wird so in den Ort des Geschehens eingeführt. Am linken oberen Rand findet sich in einem Kästchen der Verweis "Weimar, geschützte Stadt", wodurch man mit dem Adjektiv erfährt, dass man sich in einem sicheren Raum befindet, auch wenn das Bild Trostlosigkeit ausstrahlt. Die Farbe Rot ist vorherrschend, was im Folgenden auf Bedrohung hindeuten soll, denn alle Seiten, welche eine Gefahr darstellen bzw. in eine gefährliche Situation einleiten, werden in diesen Farbnuancen coloriert. Werden die Sonnenunter- wie Sonnenaufgänge ebenso in dieser Farbe gehalten, fällt auf, dass diese in einem breiten Panel, das die Seitenbreite füllt, realisiert werden und dadurch den Abschluss sowie den Neubeginn des Tages markieren. Durchwegs leiten Dialoge, welche durch Sprechblasen dargestellt werden, durch die Handlung und so erfährt man u.a. auf den ersten Seiten, dass die Apokalypse 2 Jahre zurückliegt. Die sengende Hitze, welche mit dieser Apokalypse einhergeht, wird durch Strahlen quer durch die Panels visualisiert.

Die Onomatopoesie findet auch in diesem Werk Einsatz, so wird ein Schuss auf Seite 57 in einem Panel durch das verzerrte Wort "Blam" in rot-weißen Tönen dargestellt. Ebenso wird beispielsweise die Atemlosigkeit und somit die "Gehetztheit" im Buch mit den Worten "Hah Hah Hah" quer durch die Panels bzw. rund um die Personen vermittelt. Das Zittern, welches die Personen wegen der Bedrohung verspüren, wird durch Wellenlinien entlang der Körper demonstriert und verleiht dem Bild so Bewegung. Eben diese Linien finden auch bei Beschleunigung, wenn beispielsweise die Mädchen laufen, längs der Panels Einsatz, wodurch Schnelligkeit und Bewegung vermittelt wird.

Weiters ist die Intertextualität zu erwähnen. So findet das Werk Büchners Woyzek als Reclamheft, das Vivi zwischen der Türspalte findet, in einer Totalen Erwähnung und verweist somit auf die weitergehende Handlung. Musik findet ebenso Erwähnung, wenn die Mädchen auf einem sicheren Hochstand liegen. Leider muss ich hier anmerken, dass mir eine musikalische Intermedialität fehlte, da man nur erfährt, dass Vivi über den Musikgeschmack ihrer Mitstreiterin erstaunt ist, aber man im Dunklen bleibt, um welches Genre es sich handelt.

Im Großen und Ganzen ist dies meines Erachtens ein sehr gelungenes Werk, das die Möglichkeiten der Graphic Novels zwar nicht ausschöpft, aber gekonnt realisiert.

Layout-Idee

Die Wand - Marlen Haushofer

"Nach dem zehnten Dezember schneite es eine Woche still und gleichmäßig. Das Wetter war ganz nach meinem Wunsch, windstill und beruhigend. Nichts stimmt mich friedlicher als das lautlose Niedersinken der Flocken [...] Manchmal färbte sich der grauweiße Himmel an einer Stelle rosa-rot, und der Wald versank hinter zarten, leuchtenden Schneeschleiern. Die Sonne, man konnte es ahnen, hing irgendwo hinter unserer Schneewelt, aber sie erreichte uns nicht. [...] Wie schön war es an diesen Tagen, mit Luchs durch den Wald zu gehen. Die kleinen Flocken legten sich sachte auf mein Gesicht, der Schnee knirschte unter meinen Füßen, Luchs hörte ich kaum hinter mir. Ich betrachtete oft unsere Spuren im Schnee, meine schweren Absätze und die zierlichen Ballen des Hundes. Mensch und Hund auf die einfachste Formel gebracht."[1]

[1] Marlen Haushofer: Die Wand; Berlin: List 2004, S. 238 ff.

"Schnee - Symbol der Isolation, des Todes und des Grabes, einer umfassenden Erstarrung oder Verwirrung, des Alters, aber auch der Unschuld, der Reinheit, der Schönheit, einer Sphäre der Erkenntnis, sowie des Trägers einer Spur bzw. von deren Auslöschung."[1]

Im Schnee nur eine Fußspur und leicht dahinter die eines Hundes zu erkennen. Spielt Marlen Haushofers Roman nur gegen Schluss in einer unschuldigen Winterlandschaft, so ist es doch genau diese, die ihre Seele zu diesem Zeitpunkt zu widerspiegeln vermag. Ihre Seele ist nun rein, sie wird ganz ruhig - ruhig nach den physischen und psychischen Strapazen. So musste sie mühevoll Beeren und weitere Nahrung vorsorglich einkochen, Äste schleppen und die Hütte winterfest machen. Sie wandert von der Berghütte wieder hinunter, kehrt so symbolisch wieder zu ihrem anfänglichen Ich, jedoch verändert, zurück, um im Winter nicht viel ausrichten zu können, still zu werden und sanft dem Flockenspiel zu zusehen. Die Winterlandschaft symbolisiert die Isolation (siehe Metzler Lexikon) und die gealterte Protagonistin, die nun sich ihrer selbst gewiss ist, sich mit ihrer Abgeschnittenheit abgefunden hat, somit eine geistige Sphäre weiteraufsteigen kann.

Das sind die Gründe, weshalb ich dieses Bild, aufgenommen während eines Spazierganges mit meinen Hunden, ausgewählt habe. Wie nah ich mich zu dieser Zeit Haushofers Protagonistin fühlte... In der weißen Landschaft scheinen die Konturen der Tannen bläulich-rosa-farbene Nuancen abzustrahlen. Der Bogen des Weges scheint ins Nirgendwo zu führen, gar so als würde hinter der Kurve eine unsichtbare Wand warten, die einem ungewollt wieder rückfallen lässt. Die Welt versinkt im Schnee und mit dem Versinken werden die Sorgen verschneit, sanft legen sich die Schneeflocken auf ihr Gemüt und hüllen die kleine Welt unter der durchsichtigen Kuppel in Ruhe und Fürsorge.

Leider ist mir kein Buchcover Marlen Haushofers Die Wand bekannt, das diese Jahreszeit widerspiegelt. Dennoch erscheint mir gerade diese Jahreszeit sehr symbolträchtig und gehört damit eindeutig auf das Cover gebannt.


[1] Günter Butzer; Jacob (Hrsg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole; Stuttgart: Springer 20122